Am frühen Abend fachte Antonia ein kleines Feuer an und ließ sie für eine Weile allein, kam aber zurück, als es draußen bereits dunkel war.
„Sirus ist wieder hier“, sagte sie. „Er ist zu Saphira gegangen.“
Katharina wurde es ganz kalt ums Herz, sodass sie zu zittern begann. „Warum gerade heute?“, fragte sie. „Wir haben unser Kind verloren – und er geht ausgerechnet zu ihr?“
„Er ist ein Mann“, erwiderte Antonia und blickte sie aus ihren ernsten, grauen Augen an. „Für ihn war das Kind noch nicht so real wie für dich.“
„Interessiert er sich überhaupt dafür, wie es mir geht?“, sinnierte Katharina weiter. Ein neues, schwarzes Loch tat sich unter ihrer Seele auf: Liebte Sirus sie nicht mehr? Hatte sie irgendetwas falsch gemacht?
„Er wird schon noch zu dir kommen“, meinte Antonia und hielt ihr eine Schüssel mit gewürzten Brotstücken hin, die es hier im Lager oft gab. Katharina achtete allerdings gar nicht darauf.
„Ob er weiß, wo unser Kind ist?“, fragte sie eher sich selbst als Antonia.
„Du meinst den Embryo?“ Antonia streichelte kurz Katharinas Arm. „Vergiss ihn besser, Mädchen. Das Kind zu sehen, würde alles nur noch grausamer für dich machen.“
„Ich will es begraben, es ist doch schon ein kleiner Mensch gewesen.“
„Ein sehr kleiner“, sagte Antonia. „Ich verstehe aber, was du meinst.“
„Meinst du, ich finde mein Kind dort im Steinkreis? Ich muss immerzu daran denken.“
„Ruh dich besser hier aus, Katharina. Es wird dir nicht guttun, dort hinauszugehen.“
Draußen vor dem Eingang hörte sie plötzlich Roberts Stimme, er sagte laut ihren Namen.
„Komm herein“, bat sie ihn. Antonia stand im selben Moment auf, als er den Raum betrat. „Ich gehe dann wohl besser“, meinte sie und verabschiedete sich.
„Danke für alles“, sagte Katharina schwach und blickte dann zu Robert, der sich statt der älteren Frau neben ihr niederließ. Er sah auch nicht besser aus, als sie sich fühlte: Seine Mimik war verschlossen, aber immerhin nicht völlig leer. Die Erschöpfung von heute Morgen hatte sich sichtbar noch verstärkt, wahrscheinlich war er heute noch nicht zur Ruhe gekommen. Er begegnete ihrem Blick. „Wie geht es dir?“, fragte er.
Sie wollte am liebsten beschissen sagen, aber sie schluckte das hässliche Wort hinunter. Stattdessen meinte sie: „Ich habe dieses Kind geliebt, auch wenn es noch nicht geboren war. Jetzt ist es fort …“. Sie schluckte hart. „Mir ist, als hätte mir jemand meine Seele in Fetzen zerrissen.“
Er nahm ihre Hand und drückte sie kurz. Still saßen sie eine Weile nebeneinander, bis Katharina nicht mehr schweigen konnte.
„Du warst doch dabei, heute Nacht an den Heiligen Steinen.“
Er nickte leicht, ohne sie anzusehen.
Katharina fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Weißt du … weißt du, wo mein Kind ist?“, fragte sie stockend. „Kannst du vielleicht … kannst du für mich schauen, ob du es findest?“
„Nein“, sagte er leise und starrte weiter vor sich hin.
Sie beschloss, es anders zu versuchen. „Hast du etwas gesehen, wovon ich nichts weiß?“, erkundigte sie sich.
Er antwortete ihr nicht, das versetzte sie in Unruhe. Der alte Zorn flammte schon wieder auf, doch Katharina riss sich zusammen. „Gibt es ein Geheimnis?“, fragte sie weiter, jetzt schon deutlich energischer. „Warst du so wütend, weil Sirus mich dort liegenließ? Oder ist noch etwas anderes geschehen?“
Er wandte den Kopf zu ihr, kniff die Augen leicht zusammen, sagte aber noch immer nichts. Woher kam diese Ahnung, dass er ihr etwas zu sagen hatte, es aber nicht aussprechen konnte oder wollte?
Sie schlug einen provozierenden Tonfall an: „Sollte ich ihn selbst fragen?“, wollte sie wissen und lehnte sich dabei zu Robert vor.
„Frag ihn“, sagte Robert. „Jetzt.“
Sie schüttelte widerstrebend den Kopf. „Er ist bei Saphira. Das wird nicht der richtige Moment dafür sein.“ Doch in ihr flackerte diese Wut, die ihr sagte: Doch, genau jetzt! Was hat Sirus gerade heute mit dieser Schlampe zu schaffen?
Robert griff sie beim Arm, stand auf und wollte sie hochziehen. Zunächst weigerte sie sich, indem sie einfach sitzenblieb. „Ich muss mich ausruhen“, schob sie vor. „Antonia hat mir geraten, im Bett zu bleiben.“ In Wahrheit war ihr Respekt vor Sirus einfach zu groß, um ihn jetzt zu stören.
Robert ließ sich nicht beirren. „Du hast ein Recht, mit ihm zu reden. Er sollte sich nicht bei einer anderen Frau verstecken.“
Diese Bemerkung traf bei ihr ins Schwarze, nur anders, als wahrscheinlich gedacht: Sie sah Saphira förmlich vor Augen, frohlockend darüber, dass sie den König heute ganz für sich hatte. Und dass vielleicht sie jetzt die Erste sein würde, die sein Kind gebar!
Katharina stieß kräftig die Luft aus der Nase aus. In ihr begann es, zu brodeln. Nein, sie wollte nicht Sirus stören – sie musste Saphira in die Schranken weisen und ihr Recht einfordern!
Seinem nächsten Versuch, ihr aufzuhelfen, gab sie nach. Allerdings fühlte sie sich noch immer körperlich schwach und in ihrem Unterleib pochte ein dumpfer Schmerz. Robert stützte sie, als sie schwankte. Katharina schloss kurz die Augen und besann sich auf die einzige Kraftquelle, die ihr in diesem Moment zur Verfügung stand: der Hass auf Saphira. Heute hatte sie selbst Sirus‘ volle Aufmerksamkeit verdient!
Robert geleitete Katharina zu Saphiras Zelt. Sie konnte draußen kaum etwas erkennen, weil Mond und Sterne unter einer dicken Wolkendecke verborgen lagen, darum war sie dankbar, dass er nicht von ihrer Seite wich.
Vor dem Zelteingang rief Katharina Sirus‘ Namen. Er antwortete nicht, doch die eindeutigen Geräusche aus dem Inneren zeigten ihr, dass er wohl nur zu beschäftigt war. Robert schob mit einem Griff die Eingangsplane auf, ein deutliches Reißen kündete davon, dass der Eingang von innen verschlossen gewesen war.
Der Wohnraum war leer, einige Flammen züngelten in der Feuerstelle. Die Laute aus dem Schlafbereich brachten Katharinas Blut zum Kochen: Wie konnte diese Frau es wagen!
Katharina vergaß ihre Schwäche und alle Skrupel, ihr Herz brannte vor Zorn. Sie ließ Robert stehen und stürmte durch den Vorhang in den privaten Zeltbereich. Dort gab es keine Feuerstelle, die Licht spendete, darum konnte sie wenig von den beiden Menschen erkennen, die hier ihrer Lust frönten.
„Schäm dich, du Schlange!“, grollte Katharina ins Dunkel hinein. „Wir haben heute unser Kind verloren – und du schläfst mit meinem Mann!“
Sie hörte Saphiras tiefes Seufzen. „Du bist eine richtige Pest geworden, Katharina.“
Dann erklang Sirus‘ Stimme. „Katharina, das geht deutlich zu weit.“
„Oh nein!“, rief sie aus und merkte, wie ihr erst jetzt, nach diesem langen Tag der Trauer, die Tränen kamen. „Ich liege dort drüben im Zelt und weine um unser Kind, den ganzen Tag schon! Zumindest heute habe ich mehr Recht auf dich, als sie!“
Eine schwarze Silhouette erhob sich, Katharina erkannte die Gestalt von Sirus. „Du bist unverschämt“, sagte er streng. „Über meine Zeit verfüge nur ich selbst.“
Sie wischte sich mit der Hand durch die Augen, als immer mehr Tränen kamen. „Ich bin eine trauernde Mutter“, schluchzte sie. „Und du, Sirus? Bist du kein trauernder Vater?“
„Ich habe einmal ein ganzes Volk verloren“, gab er zurück. „Darunter Zehntausende von Kindern, in den Wassern einer großen Flut. Ich hätte tausend Jahre um sie weinen können, doch dann wäre ich heute nicht hier, sondern in der Hölle.“
„Es geht nicht um zehntausend Kinder, es geht um dein Eigenes“, kam es heiser aus Katharinas Kehle. Sie umklammerte ihren eigenen Körper mit beiden Armen, denn plötzlich wurde ihr schrecklich kalt.
Irgendwo am Boden erklang Saphiras süßes Kichern. „Komm, wir machen zusammen ein Neues! Lass sie doch zusehen, wenn sie hier herumstehen will.“
Sirus ignorierte diese Aufforderung. „Ich hatte eigene Kinder“, sagte er kalt. „Sie sind ebenso tot wie alle anderen. Und jetzt möchte ich, dass du augenblicklich gehst.“
Wo war ihre Wut geblieben? Vor lauter Kälte konnte sie den Zorn nicht mehr spüren. Sie stand da und weinte stumm vor sich hin, die einzigen tröstenden Hände waren ihre eigenen. Dann spürte Katharina, wie Robert sich von hinten an ihre Seite stellte, ganz wortlos, als ergreife er Partei für sie. Ein kleiner Funke Wärme hielt in ihrem Herzen Einzug.
Sirus sprach Robert augenblicklich in dieser anderen Sprache an, doch der legte zur Antwort nur seinen Arm um Katharina. Aus dem Wärmefunken wurde ein ganzes Lagerfeuer. Allein das gab ihr die Kraft, sich Sirus`Anordnung zu widersetzen und die nächste Frage zu stellen: „Was ist aus unserem Kind geworden? Liegt es noch bei den Heiligen Steinen?“
Sirus ging gar nicht mehr auf sie ein, sondern er trat vor und kam sehr nah vor ihnen beiden zum Stehen. Jetzt erkannte sie trotz der Dunkelheit sein Gesicht, seine Miene war so kalt, wie sie ihn zuvor gesehen hatte. Plötzlich bekam sie Angst, wollte am liebsten fortrennen. Nur Roberts Arm hielt sie davon ab – dass er nicht zögert oder wankte, schenkte ihr ungeheuren Mut.
Sirus redete abermals zu Robert, Katharina fühlte jedes seiner Worte wie schmerzhafte, kleine Steine auf der Haut. Roberts Arm spannte sich, er hielt sie nun noch fester. Schließlich sagte Sirus etwas in verständlicher Sprache: „Bring sie zu ihrem Kind.“
Damit wandte er sich ab und gesellte sich wieder zu Saphira, die ganz still geworden war.
Katharina ließ sich von Robert aus dem Zelt führen, obwohl sie das irrationale Gefühl erfasste, ein Fremder hielte sie plötzlich fest. Während dieser wenigen Minuten in Saphiras Zelt waren ihre Emotionen so völlig durcheinandergeraten, dass sie dies als Ergebnis ihrer momentanen Gefühlsverwirrung ansah. Woher kam all diese Kälte? Und warum war die Hingabe gegenüber diesem Mann, den sie doch eigentlich so sehr verehrte, nun völlig verschwunden?
Mit dieser gefühlsleeren Stimme, die Katharina so gar nicht an ihm mochte, fragte Robert sie: „Was hast du dir vorgestellt? Dass er Vater-Mutter-Kind mit dir spielt?“
Konnte es sein, dachte sie nun zum ersten Mal, dass dort eine andere Person aus ihm sprach? Vielleicht eines von Sirus’ Geistwesen? Welch schreckliche Vorstellung! Allerdings wusste Katharina sehr genau, dass Umen-Baal inzwischen ein Teil von ihr selbst geworden war. Ihm hatte sie ihre neuen körperlichen und mentalen Kräfte zu verdanken. Und hatte er nicht noch in der letzten Nacht völlig die Kontrolle über sie übernommen?
Zu ihrem Schmerz und der Verwirrung gesellte sich nun ein Gefühl furchtbarer Hilflosigkeit: Hatte sie sich einer Macht ausgeliefert, die es gar nicht gut mit ihr meinte?
Intuitiv wollte sie Roberts Arm abstreifen, doch er hielt sie fest an seine Seite gepresst und ließ sie nicht so einfach entkommen. Wieder drohte sie, die Schwäche zu übermannen, ihr wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Doch Robert zog sie unerbittlich mit sich, auch als ihre Beine nachgaben. Eine Ohnmacht blieb allerdings aus, die Sicht klarte sich nach kurzer Zeit wieder. Nun umgab sie beide nur noch die Dunkelheit der Nacht, von den wenigen Feuern des Lagers entfernten sie sich. Katharina erkannte, dass sie in Richtung der Heiligen Steine gingen, denn die Lichter des großen Lagers lagen hinter ihnen und zu ihrer Rechten. Nur sehr wenige, winzige Feuer leuchteten links, denn dort erhob sich nicht weit entfernt eine steile Felswand.
„Robert, bitte lass mich los, du tust mir weh“, versuchte Katharina, ihren alten Freund zu erreichen. Doch er ließ sich nicht beirren, gab nicht einmal eine Antwort. Wo war die Kraft Umen-Baals jetzt nur, die doch so oft schon aus ihr hervorgebrochen war? Selbst die Flamme der Wut schien völlig versiegt, so kam sie gegen Robert – oder was auch immer ihn auch steuerte – nicht an!
Die Heiligen Steine zeichneten sich pechschwarz gegen die dunkelgraue Umgebung ab, er führte sie direkt in ihre Mitte. Dort angekommen zwang er sie wortlos in die Knie. Erst als sie dort am Boden kauerte, zitternd vor Angst und Kälte, begann er, wieder zu sprechen. Und in diesem Moment wusste Katharina endlich mit Gewissheit, dass „Tachem“ nicht einfach ein anderer Name, sondern eine ganz andere Person war.
Vorhin, in ihrem und in Saphiras Zelt, war sie ihrem echten, alten Freund begegnet. Oder dem, was von ihm noch nach außen drang.
„Du hast versprochen, deinem König zu folgen und ihm zu gehorchen“, sagte Tachem ganz ohne einen Funken von Gefühl. „Doch du hast deinen Schwur gebrochen und dich von ihm abgewandt. Da du nicht zu seinem Volk gehörst, unterliegst du nicht der Rechtssprechung des Rates, sondern Umen-Baal legt dein Urteil fest.“
Umen-Baal? Sie kannte bereits seinen Zorn, hatte diesen aber immer mit ihrem eigenen verwechselt! Warum hatte sie zuvor nicht so klar gesehen? Jetzt war es zu spät, das wütende Feuer würde sie gewiss nicht verschonen!
Und nun spürte Katharina den Umen-Baal plötzlich, doch erkannte sie ihn nun deutlich als finsteren Fremdkörper in ihrer Seele. Im nächsten Moment wusste sie, dass dieses Wesen sie tot sehen wollte. Sie erstarrte vor Schreck.
Tachem drückte sie mit ungeheurer Kraft bäuchlings zu Boden, mit dem Gesicht in die steinige Erde. Sie nahm den Geruch von Blut wahr – ihrem eigenen – und dazu etwas leicht Modriges. Katharina presste rechtzeitig die Lippen zusammen und schloss fest die Augen. Sie kämpfte gegen den harten Griff, der sie am Boden hielt, doch hatte sie nicht die geringste Chance, sich ihm zu entwinden.

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