Leseprobe entnommen aus dem Ebook

„Du sieht nie den ganzen Weg„“

Rubin

Aus Richtung Meer kam der Wind mit ungestümer Wut und peitschte die Wellen wie ein jähzorniger Sklaventreiber. Zwischen Schal und Kapuze lugten einzig Selinas Augen hervor, den Blick Richtung Horizont gerichtet, der irgendwo im Grau zwischen Meer und Himmel verschwamm. Lang schon waren die Masten des Schiffes eins geworden mit dem trüben Ozean. Die linke Hand der jungen Frau umfasste, tief in der Manteltasche vergraben, den kühlen, glatten Stein. „Wenn die Treue gebrochen wird, so bricht auch das Herz“, das waren Maros Worte gewesen. „Deshalb halte unsere Liebe in Ehren.“
Maro und seine Magie. Ein Lächeln spielte um Selinas blaue Augen. Wehmütig zwar, doch ihr Blick war klar und tränenlos. Wer wusste schon, ob sie sich jemals wiedersehen würden? Die Fahrt über das Meer barg unabsehbare Gefahren in sich. Das Tosen der Wellen und das Heulen des Windes waren die einzigen treuen Begleiter der Besatzung. Wer sich für das Meer entschied, traf häufig seine Entscheidung für den Tod.
*~*~*~*~*~*~*~*~*
Ein Schaf aus Holz lag in der staubigen Dunkelheit. Die weiße Farbe löste sich an vielen Stellen ab, das Holz war verkratzt. Kinderhände hatten es im Spiel nicht eben zart angefasst. Doch man hatte das Schaf geliebt, irgendwann einmal. In der Schublade bei dem Schaf lag ein kleines Herz aus rotem Stein. Zufällig war das Herz, als man es hineingeworfen hatte, auf einem schmutzigen, zerknitterten Taschentuch gelandet. Draußen im Raum, wo Licht herrschte, plapperte Selinas Stimme aufgeregt: „Eni, tausend schöne Dinge! Alles, was mein Herz sich wünschen kann! Er ist ein wirklicher Herr, das sage ich dir.“
Selinas Freundin Eni stieß zur Antwort ein helles Lachen aus.
„Du wirst sehen, Eni,“, sagte Selina wiederum, „was für ein Herr er ist.“ Selinas Schritte auf dem Teppich. Dann bebten Herz und Schaf für einen Augenblick, als sie die benachbarte Schranktür öffnete. „Hier“, rief Selina triumphierend aus. „Das hat mir Elmor geschenkt.“
„Oh, Selina!“ erklang Enis überraschte Stimme. „Sind das echte Juwelen?“
„Elmor ist ein Herr“, stellte Selina zutiefst befriedigt fest. „Und sieh: Er hat sich tatsächlich in mich verliebt. In die kleine Selina.“
*~*~*~*~*~*~*~*~*
Warm war Elmors Kuss – und kalt das Gold auf ihrer Haut. Als das Herz im Schrank in zwei Hälften zersprang, regneten winzig kleine Rubinsplitter auf das Schaf herab.
*~*~*~*~*~*~*~*~*
Ein Brief aus der Fremde, von Maro. „Fast ein Jahr war ich nun fort, doch nun bin ich nahe dem Heimathafen. Ich kehre zurück zu dir“, sprach Selinas Stimme Maros Worte, den Brief in der zitternden Hand. Stille trat ein. Enis Augen blickten forschend. „So bald kehrt er also zurück“ murmelte Selina und ließ den Brief langsam sinken. „Er sagte, er geht für Jahre. Ob er wohl für immer bleiben will?“
„Willst du ihn zurück?“ fragte Eni.
Selinas Antwort war ein Seufzen.
„Willst du ihn zurück – oder nicht?“ hakte Eni abermals nach.
„Elmor hat Geld“, sagte Selina. „Und Ansehen. Und die besten Manieren. Doch Fantasie hat er nicht. Ich vermisse Maros Geschichten.“
„Nur seine Geschichten?“ wollte Eni wissen.
„Seine Geschichten“, wiederholte Selina. „Und seine Augen, vielleicht.“
„Du solltest es beenden, solange noch Zeit ist“, war Enis Rat. „Es gibt Dinge, die sind mehr wert, als Geld und Ansehen, das weißt du selbst.“
*~*~*~*~*~*~*~*~*
Die Schublade ging auf und Tageslicht fiel auf das Schaf, das glitzerte wie Sternenstaub. Doch Selina hatte kein Auge für das alte Kinderspielzeug, in ihre Hände nahm sie zitternd die zerbrochenen Hälften des Herzens. Sie hatte die Warnung für eines von Maros Märchen gehalten, doch nun musste sie erkennen, dass seine Magie lebte.
*~*~*~*~*~*~*~*~*
„Ja, ein solches Herz kann ich neu fertigen“, sagte der alte Mann, während er noch durch die Lupe auf die zerbrochenen Hälften starrte. „Doch Sie sind sich bewusst, junge Dame“, er hob den Blick, „dass es sich hier um einen teuren Rubin handelt?“
Selina stockte einen Moment lang der Atem: kein Glas? Kein billiger Tand?
Der Mann fragte: „Soll die Neuanfertigung nun auch aus Rubin bestehen?“ In seinen Augen stand die Frage geschrieben: Können Sie sich das überhaupt leisten? Doch Selina nickte nach nur kurzem Zögern: Ja, sie konnte. Der Schmuck, die Pelze: Elmors teure Gaben, sie würden genug Geld bringen. Wenn das Herz ganz war, wenn Maro zurückkam, dann würde sie wieder seine zauberhafte Welt mit ihm teilen können.
*~*~*~*~*~*~*~*~*

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