Der König begrüßte seine Sippenführer einzeln mit Handschlag und richtete an jeden ein paar Worte, beginnend mit Ecron.
„Baumeister Ecron, Spross einer begabten Familie“, sagte Sirus gerade. „Die Errichter herrlicher Kultstätten zählen zu deinen Vorfahren.“
Ecron verbeugte sich leicht, während er fest die dargebotene Hand umgriff. „Mein König“, erwiderte er demütig.
„Du sollst Größeres und Heiligeres errichten als dieses Zelt auf dem Festplatz und den Thron, für den ich mich sehr bedanke“, fuhr Sirus fort und blickte ihn dabei ernst an. „Du bekommst deine Gelegenheit, auf die du schon so lange wartest.“
Als Ecron den Kopf wieder hob, erblickte Scem ein tief berührtes Lächeln in seinem Gesicht. „Danke“, erwiderte er nur rau.
Auch Edenla nahm mit froher Miene die Hand des Königs in die ihre und verneigte sich dabei vor ihm.
„Edenla, eine so junge Frau – und doch schon so stark“, meinte Sirus anerkennend. „In deinem Blut liegt die Beschwörung mächtiger Geister, sie hören deine Stimme, doch ihre Antworten verstehst du noch nicht. Du wirst viel lernen und dein Talent verstärken. Ein wichtiger Platz in meinem Reich ist für dich bestimmt.“
Edenla blickte nun strahlend ihrem König ins Gesicht, Scem war überrascht von ihrer plötzlich sichtbar gewordenen Schönheit. Ihm schien, als sei ein Stück des wunderbaren, königlichen Glanzes auf die junge Frau übergegangen.
„Chalem“, begrüßte der König nun Scems alten Freund. „Du bist ein kluger Mann mit großem Wissensdurst.“ Chalem ergriff nicht des Königs Hand, er stand einfach da und schien dabei recht verwirrt. Sirus ließ seine Hand sinken. „Du hattest heute Morgen eine Frage an mich. Es tut mir leid, dass ich dich nicht empfangen habe. Aber unsere Freunde hier werden uns sicher verzeihen, wenn wir sie für einen Moment allein lassen, um unser Gespräch nachzuholen.“
Chalem erwiderte nichts. In seinem Gesicht arbeitete es, er schien nicht die richtigen Worte zu finden.
„Komm mit“, lud ihn Sirus ein und warf einen Blick in die Runde. „Wir sind in wenigen Minuten zurück.“
Nun setzte sich Chalem in Bewegung und verließ gemeinsam mit dem König den Kreis. Sie gingen ein Stück weit fort, und Scem stellte fest, dass der andere Mann dort draußen sie im Auge behielt.
Ecron lächelte noch immer zufrieden. „Man sagt, in alten Zeiten, als wir noch in unserem eigenen Land lebten, besaßen wir gewaltige Kultstätten, die nicht nur als Bauwerke überragend waren. Dort waren Mächte am Werk, von denen wir heute nur noch träumen können.“
Edenla ließ diese Aussage nicht auf sich beruhen. „Wir konnten bislang nur noch davon träumen, Ecron“, berichtigte sie ihn. „Aber die alten Träume werden bald wieder Wirklichkeit.“
Sie warteten still, bis Chalem und Sirus zurückkehrten. Chalems Gesicht wirkte nun schon viel ruhiger und, als er zurück an seinen alten Platz kam, reichte er mit einer willigen Verneigung Sirus die Hand. Scems Herz setzt einen Sprung aus, er blickte weg, weil dieser Anblick ihm plötzlich körperlich schmerzte.
„Wer die Zukunft wissen will,“, sagte Sirus, „wende sich an das Haus Derwyan. Die Weissagung wird neu erblühen.“ Chalem hob den Kopf, seine Augen leuchteten, er schien vor Stolz und Freude beinah zu platzen.
Bis zu Scem waren noch drei Sippenführer an der Reihe, Siderya war die Erste von ihnen.

„Wir sind uns schon einig, Siderya, nicht wahr?“, sprach der König sie freundlich an und Siderya verneigte sich tief, bevor sie seine Hand ergriff. Er fuhr fort: „Die Sleyvorns wussten schon immer, was Leiten und Führen bedeutet. Dabei geht es nicht nur um Macht, sondern auch um Opfer. Früh bist du Witwe geworden und hattest deine Kinder und die gesamte Sippe, viertausend Menschen, zu versorgen. Und was dich immer umtrieb, war diese Hilflosigkeit gegen Krankheit und frühen Tod, denn du weißt, dass du eine Heilerin bist, die niemanden heilen kann.“ Sideryas Augen weiteten sich. Ihr entfuhr ein schmerzlicher Laut, der ihr Innerstes offenbarte. „Ich wecke deine Gabe auf“, versprach der König ihr und drückte ein zweites Mal ihre Hand. Dann ging er weiter.
Scems Augen haftete auf Sideryas Gesicht. Sirus hatte dieser starken, unnahbaren Frau tief ins Herz getroffen und sie rang viele Minuten um inneren Halt. Und bis Sirus zu Scem kam, brachte dieser erstaunliche Mann zwei weitere Sippenführer aus der Fassung und begeisterte sie für seine Sache. Als er schlussendlich Scem die Hand darbot, griff dieser trotzdem nicht zu und erklärte: „Ich habe gelernt, dass man Menschen nicht danach beurteilen soll, was man alles über sie gehört hat, und was sie versprechen, sondern daran, was sie tun. Deine Taten habe ich noch nicht gesehen, darum setze ich meine Entscheidung aus.“
Er vernahm ein Raunen um sich herum, aber Sirus zeigte keine besondere Reaktion. Der König ließ den Arm sinken und blickte ihn mit freundlicher Gelassenheit an. „Scem Sleyvorn“, sagte er und Scem spürte den intensiven Blick aus diesen hell glänzenden Augen als warmes Kribbeln, das seine Haut durchdrang und den Kern seines Seins erreichte. Nur mit stärkster Willenskraft gelang es ihm, Sirus nicht doch noch die Hand zu reichen und sich vor ihm zu neigen.
In Sirus‘ Gesicht erschien ein warmes Lächeln. „Familie“, sagt er. „Und Zusammenhalt. Dein Herz ist dort, wo deine Liebsten sind.“
Scem schluckte, Melanchas ängstliches Gesicht drängte sich in sein Bewusstsein: Was kommt da alles auf uns zu, Per? War er denn verrückt, seine Zukunft und die die Zukunft seiner Familie im Schoß ihres Volkes aufs Spiel zu setzen? Suchte er mit Gewalt den Weg der Zerstörung, nur, weil eine Ausgestoßene ein paar wirre Worte zu ihm gesprochen hatte?
Er zögerte, suchte nach Worten, spürte den kalten Schweiß auf der erhitzten Stirn.
„Scem, du gehörst hierher, du bist ein Teil der großen Geschichte, ein Bindeglied zwischen den Menschen. Du bist ein Mann des Herzens, der in den Herzen anderer lesen wird. Wer dir heute nahe ist, wird dir in Zukunft noch viel näher sein.“
Schließlich brachte Scem doch etwas hervor. „Ich kann nicht“, sagte er heiser. „Noch nicht. Ich weiß nicht, wer du bist und was du mit uns machen wirst.“
„Dann halte die Augen offen, Scem, nach innen und nach außen“, war Sirus‘ Rat. „Ich erkenne deinen Wunsch an, zuerst deine Erfahrungen machen zu dürfen. Du musst dich vor mir jetzt nicht neigen – doch willst du mir trotzdem die Hand reichen?“
Scem atmete tief ein, er streckte seine angespannten Glieder und erwiderte dann, schon erheblich fester: „Als Zeichen des Friedens zwischen meiner Familie, meinem Volk und dir: ja.“ Er streckte den Arm aus und spürte im nächsten Moment Sirus‘ kräftigen Händedruck. Als sie sich wieder trennten, konnte Scem nicht umhin, noch eine Frage zu stellen, die ihn bedrängte. „Was ist mit ihm dort?“ Er deutete auf den Mann außerhalb des Kreises. „Er ist einer von uns und wir kennen ihn nicht. Er soll der Erbe der Wächter sein. Sollte er nicht auch mit uns reden und sich uns vorstellen?“
Sirus warf einen kurzen Blick zu seinem entfernt stehenden Begleiter. „Alles hat seine Zeit“, sagte er. „Wir fangen doch gerade erst an.“

 

Aus dem Roman „Vater der Engel“

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